Kurzgesagt:
Konkrete Faktenchecks helfen nur, einen konkreten Fake zu bekämpfen; Medienkompetenz stärken hilft dagegen nachhaltiger, zeigt diese Studie.
Studiendetails
| Veröffentlicht von: | Elsevier (niederländischer Wissenschaftsverlag) |
| Autor:innen: | Lara Maria Berger, Anna Kerkhof, Felix Mindl, Johannes Münster |
| Methodik: | Randomisiertes Umfrage-Experiment |
| Studie erschien in: | Journal of Public Economics |
| Veröffentlicht am: | 05.04.2025 |
| Wissenschaftlicher Titel: | Debunking “fake news” on social media: Immediate and short-term effects of fact-checking and media literacy interventions |
Warum wurde die Studie durchgeführt?
Faktenchecks treten im Kampf gegen Desinformation mit einem grundsätzlichen Nachteil an. Während Fake News in kürzester Zeit erzeugt und verbreitet werden können, kostet es viel Energie und Zeit, sie zu widerlegen. Oft haben schon tausende Menschen die Fake News gelesen, bevor der Faktencheck dazu veröffentlicht ist. Und in der Zwischenzeit sind wieder unzählige neue Fakes produziert worden. Es gibt bereits einige Studien, die zeigen, dass Faktenchecks nicht in der Lage sind, den durch Fakes angerichteten politischen Schaden aufzufangen (wie zum Beispiel Barrera et al. 2020).
Eine alternative Methode, um aus diesem Dilemma herauszukommen, ist der Fokus auf Medienkompetenz. Dabei wird nicht eine konkrete Behauptung dem Faktencheck unterzogen (der klassische Debunk), sondern proaktiv über typische Strategien von Desinformation sowie die Muster hinter den Fake News aufgeklärt. Auch wir bei Prüfpunkt verwenden diese Strategie, beispielsweise in unserer Reihe zu Desinformationstechniken.
Die Idee dahinter ist, Aufklärung nicht nur zu einzelnen Behauptungen durchzuführen und immer wieder zu erneuern, sobald neue Fakes auftauchen, sondern Nutzer:innen generell darauf einzustellen, welche Tricks die Desinformations-Strategen verwenden. Je kritischer Menschen ihren eigenen Medienkonsum betrachten, desto geringer die Chance für Fake News – so die Theorie hinter der Strategie.
Ob und wie gut diese Strategie funktioniert, ist bislang allerdings nur wenig systematisch untersucht worden. Die Forscher:innen der vorgestellten Studie wollen das ändern und vor allem den gezielten Vergleich angehen: Welche Auswirkungen hat vorbeugende Medienkompetenz im Vergleich zu spezifischen Faktenchecks?
Wie wurde die Studie durchgeführt?
Zunächst wurden die Teilnehmenden in 5 Gruppen aufgeteilt. Alle Gruppen setzten sich in einer ersten Runde mit Fragen zum Thema Corona-Impfung auseinander. Allerdings wurden drei der Gruppen zuvor mit Facebook-Posts konfrontiert, von denen manche echte Fakten enthielten, andere Fakes (wobei den Teilnehmenden nicht bekannt war, welche die Fakes waren). Die erste der Gruppen erhielt dazu auf die Themen zugeschnittene Faktenchecks, eine zweite Gruppe generelle Tipps zum Erkennen von Fake News und die dritte Gruppe keine Hilfe.
Die Teilnehmenden der anderen beiden Gruppen sahen keine Fake News. Eine Gruppe erhielt nur die wissenschaftlichen Fakten zu den Fragen, die letzte Gruppe bekam weder Fakten, noch Fakes und diente damit als Kontrollgruppe.
Nachdem alle Gruppen die Fragen beantwortet hatten, ging es in einer zweiten Runde um das Thema Ernährung. Diesmal gab es allerdings für niemanden aus den ersten drei Gruppen Faktenchecks oder sonstige Unterstützung, sondern nur die Fakes. Damit testeten die Forschenden, ob die Teilnehmenden der ersten beiden Gruppen ihr erworbenes Wissen ohne weitere Hilfe auf ein anderes Thema übertragen konnten.
Zwei Wochen später wurden dann noch einmal beide Runden ohne neue Informationen durchgeführt, um zu testen, ob mögliche Effekte nur am selben Tag auftreten oder auch in der Zukunft bestehen bleiben.
Zu welchen Ergebnissen und Forderungen kamen die Forschenden?
Das zentrale Ergebnis der Studie lautete: Faktenchecks helfen nur gegen konkrete Fakes, aber senken darüber hinaus nicht signifikant die Wahrscheinlichkeit, Fake News zu glauben. Außerdem war der Effekt bei der zweiten Erhebung 14 Tage später bereits wieder verflogen. Dagegen führte der Fokus auf generelle Medienkompetenz bei der zweiten Gruppe dazu, dass die Teilnehmenden Fakes zu verschiedenen Themen besser erkannten. Der Effekt war außerdem auch nach zwei Wochen noch signifikant.
Als Grund dafür vermuten die Forschenden, dass sich die Teilnehmenden, die Tipps zum Erkennen von Fake News erhielten, danach generell aufmerksamer mit dem Thema auseinandersetzten, während Faktenchecks die Meinung der Teilnehmenden zu einem konkreten Thema „updaten“, aber ihre kritischen Denkskills nicht erweitern. Sie erhalten nur passiv eine Information, müssen sich aber nicht aktiv damit auseinandersetzen.
Die Forschenden zogen daraus die Schlussfolgerung: Wenn man jede einzelne Information direkt mit einem Faktencheck versehen könnte, würde das natürlich helfen. In der Realität ist es aber viel effizienter, Medienkompetenz zu steigern, da dies die Fähigkeit erhöht, Fakes zu allen Themen zu erkennen und auch nach einigen Tagen noch Vorteile bringt.
Sie unterstützen deshalb politische Maßnahmen von EU und UNESCO, die die Medienkompetenz erhöhen sollen. Gleichzeitig weisen die Forschenden auch darauf hin, dass solche Medienkompetenztrainings oft vor allem diejenigen erreichen, die sich ohnehin schon kritisch mit ihrem Medienkonsum auseinandersetzen. Doch diejenigen, die es am meisten bräuchten, sind auch am schwersten dafür zu erreichen. Hier seien auch die Verantwortlichen gefragt, solche Trainings möglichst attraktiv zu gestalten. Letztendlich bleiben auch Zweifel, ob die Medienkompetenz der User ohne direkte Zusammenarbeit mit den Plattformen überhaupt verbessert werden kann.




