Desinformations-Strategien #6: Dog Whistle

von Prüfpunkt Redaktion | 11. Juni 2026 | Desinformation

Kurz-Definition:

Als Dog Whistle bezeichnet man eine Aussage, die neben ihrer expliziten, für alle offensichtlichen Bedeutung, eine zweite, implizite Botschaft transportiert, welche nur von einer eingeweihten Gruppe verstanden wird.

Was ist eine Dog Whistle?

Die Dog Whistle transportiert neben der für alle offensichtlichen, expliziten Aussage für eine eingeweihte Ingroup eine zweite, implizite Botschaft. Diese kann dabei offen oder verdeckt sein. Außerdem können Dog Whistles auch unabsichtlich benutzt werden. Gemeint ist, dass die Sprecherin versehentlich eine Botschaft in die Aussage legt, die eigentlich gar nicht beabsichtigt ist. Das tritt besonders häufig auf, wenn Menschen oder Medien Aussagen wiederholen, in denen bewusst Dog Whistles verwendet werden. Die Sprachphilosophin Jennifer Saul sieht diesen Aspekt sogar als so wichtig für die Verbreitung von Dog Whistles an, dass sie ihm einen eigenen Namen gegeben hat: Amplifier Dog Whistles.

Da dieser Artikel in der Reihe der Desinfo-Strategien erscheint, ist es wichtig einzuordnen, dass eine Dog Whistle nicht unbedingt eine Desinformation im klassischen Sinne verbreiten muss. Die Dog Whistle dient aber generell oft dazu, den Diskurs zu manipulieren. Sie wird vor allem deshalb so gern zur Verbreitung von Desinformation genutzt, weil sie plausible deniability ermöglicht. Wer eine Dog Whistle nutzt, kann implizit Verschwörungsnarrative oder Hassrede verbreiten, ohne sie explizit sagen zu müssen. Wird man mit den problematischen, impliziten Botschaften konfrontiert, kann man die Verantwortung von sich weisen und darauf bestehen, dass diese implizite Bedeutung ja nicht so gemeint gewesen sei. Dadurch wird es für Außenstehende schwieriger, diese Verbreitung zu kritisieren.

In der Praxis dienen Dog Whistles oft als Träger von antisemitischen Verschwörungserzählungen oder rassistischen Vorurteilen. So zeigte beispielsweise eine Studie 2025, dass Dog Whistles auf Reddit genutzt werden, um antisemitische Verschwörungserzählungen zu verbreiten, ohne von Moderationsrichtlinien erkannt zu werden.

Die Dog Whistle ist also an sich keine Desinformation, sondern dient als Vehikel für Verschwörungserzählungen und Hassrede.

Die doppelte Funktion der Dog Whistle: Botschaft und Zugehörigkeit

Die große Beliebtheit der Dog Whistle in politischen Debatten erklärt sich auch dadurch, dass sie eine doppelte Funktion hat. Sie kann einerseits die unterschwellige Botschaft transportieren und andererseits auch Gruppenzugehörigkeit oder erweitertes Wissen signalisieren.

Transport radikaler Botschaften

Dog Whistles können Dinge, die offen nicht sagbar sind, verdeckt sagbar machen. Oft unterstützen sie damit das langfristige strategische Ziel, das Overton-Window zu verschieben. Extreme Thesen werden dadurch zunächst gefühlt sagbar, das Thema wird enttabuisiert und in einem späteren Schritt auch explizit sagbar.

Politiker:innen können Dog Whistles nutzen, um radikale Botschaften an eine bestimmte Zielgruppe zu transportieren, ohne eine andere Zielgruppe zu verlieren. Würden sie ein Ressentiment offen bedienen, könnte das den strategischen Nachteil haben, dass sie damit gemäßigte Wähler:innen abschrecken. Die Dog Whistle löst das strategische Dilemma auf. Eine radikale Botschaft kann so implizit die Zielgruppe mit extremeren Ansichten erreichen, während die gemäßigte Zielgruppe sich dieser Botschaft gar nicht bewusst ist.

Anzeigen von Gruppenzugehörigkeit

Die zweite Funktion von Dog Whistles ist weniger bekannt, aber ebenfalls bedeutend: Das Anzeigen von Gruppenzugehörigkeit. Wer eine Dog Whistle verwendet, beweist damit gleichzeitig den eingeweihten Zuhörenden, dass er zur selben Gruppe gehört und ihre speziellen sprachlichen Codes versteht. Damit entsteht ein Zugehörigkeitsgefühl, das auch unabhängig vom Inhalt die Sympathien bei den eingeweihten Zuhörenden gewinnen kann.

Untersuchungen haben gezeigt, dass in Werbekampagnen allein das Bewusstsein, als Ingroup angesprochen zu werden, reichen kann, um die Marke wahrscheinlicher zu unterstützen (siehe Aaker et al. 2000). Dog Whistles funktionieren also auch (und gerade) dann, wenn Menschen erkennen, dass sie als Teil einer eingeweihten Ingroup angesprochen werden. Nicht eingeweihten Zuhörenden bleibt dabei verborgen, dass sich die Sprecherin als Teil einer Gruppe zu erkennen gibt.

Wie wirksam sind Dog Whistles?

Obwohl Dog Whistles also auf verschiedene Art und Weise wirken können, ist es in der neusten Forschung umstritten, ob implizite Dog Whistles tatsächlich wirksamer sind als explizite Aussagen. Ursprünglich war die Wissenschaft davon ausgegangen, dass insbesondere rassistische Dog Whistles von Politiker:innen gern genutzt werden, um unterschwellige Rassismen anzusprechen, ohne offen (verpönte) rassistische Stereotype zu nutzen. Diese Ansicht dominierte in den frühen 2000er Jahren, z.B. Mendelberg 2001, Valentino et al. 2002. Mittlerweile gilt sie allerdings als zumindest umstritten.

So konnten beispielsweise Wetts/Willer (2019) in ihrer Studie keinen generellen Unterschied zwischen impliziten und expliziten Aussagen feststellen. Der Effekt blieb nur auf bestimmte Gruppen beschränkt. Valentino/Neuner/Vandenbroek (2018) fanden sogar Indizien dafür, dass der Unterschied in den letzten Jahren zurückging, weil explizit rassistische Aussagen weniger stark tabuisiert sind. Der aktuelle Stand widerlegt also nicht die Wirksamkeit von Dog Whistles, stellt aber infrage, ob sie tatsächlich nachweislich besser funktionieren als explizite Aussagen.

Beispiel:

Das bekannteste Beispiel einer Dog Whistle in den letzten Jahren ist die Verwendung des Begriffs „Remigration“ durch die radikale und extreme Rechte. Dieser Begriff klang lange für viele Zuhörende wertneutral, so als würde er einfach generell die Rückkehr von migrierten Personen in ihr Herkunftsland beschreiben. Dass der Begriff „Remigration“ schon seit den 1960er Jahren auch ideologisch in rassistisch-völkischen Kreisen gebraucht wurde, war den meisten Menschen bis vor wenigen Jahren unbekannt. Auch die Wissenschaft, die den Begriff teilweise für aus dem Exil zurückgekehrte Jüdinnen und Juden nach dem Zweiten Weltkrieg verwendet hatte, lehnt die Verwendung dieses Begriffes zur allgemeinen Analyse von Migrationsbewegungen weitestgehend ab.

Die Verwendung des Begriffs „Remigration“ als Dog Whistle wurde in Deutschland insbesondere mit der Correctiv-Recherche „Geheimplan gegen Deutschland“ im Januar 2024 bekannt. Correctiv hatte ein geheimes Treffen von Vertreter:innen der extremen Rechten in Potsdam aufgedeckt, auf dem „Remigration“ ein zentrales Thema war. Die extreme Rechte nutzte die unscharfe Definition von „Remigration“ gezielt, um den Begriff als Dog Whistle einzusetzen. Für die meisten Zuhörenden blieb der Begriff vage und konnte explizit auch die freiwillige Rückkehr von migrierten Personen bedeuten. Eingeweihte Zuhörende dagegen erkennen die implizite Bedeutung von „Remigration“ als Aufforderung und Plan, massenhaft auch deutsche Staatsbürger:innen aus dem Land zu vertreiben. Diese Absicht steckt tatsächlich dahinter, wie die Correctiv-Recherche aufdeckte. Der extrem rechte Aktivist Martin Sellner, der den Begriff „Remigration“ in der deutschen Debatte maßgeblich mitprägte, hat selbst bestätigt, dass unter das Konzept auch sogenannte „nicht-assimilierte“ deutsche Staatsbürger:innen fallen.

Die Folgen der Dog Whistle in der Praxis

Das Beispiel von „Remigration“ zeigt sowohl den Erfolg als auch die Grenzen von Dog Whistles. So brachten extreme Rechte den Begriff „Remigration“ über das Wahlprogramm der AfD für die Bundestagswahl 2025 in den Diskurs ein. De facto ist damit die Forderung nach massenhafter Vertreibung auch deutscher Staatsbürger:innen gemeint. Offen ausgesprochen würde dies als klares Tabu gelten. Implizit ist sie im Wahlprogramm einer im Bundestag vertretenen Partei allerdings sagbarer geworden. Dies stellt eines der anschaulichsten Beispiele einer Diskursverschiebung durch Dog Whistles dar.

Gleichzeitig hat der Begriff jedoch in den letzten Jahren seine Funktion als Dog Whistle eingebüßt. Durch die umfangreiche Aufklärung über die problematische Verwendung des Begriffs „Remigration“ hat dieser seine plausible deniability verloren. So erzeugte gerade die Aufnahme des Begriffs ins AfD-Wahlprogramm 2025 einen großen öffentlichen Aufschrei, während er 2021 noch relativ geräuschlos im Wahlprogramm (S. 95) untergebracht wurde. Es wird also immer schwieriger, zu behaupten, man wüsste nichts von der doppelten Bedeutung.

Umgang:

Strategien für den Umgang mit Dog Whistles, die in wissenschaftlichen Texten empfohlen werden, drehen sich oft darum, die unterschiedlichen Bedeutungen klar aufzudecken und zu benennen. Dog Whistles funktionieren vor allem deshalb, weil viele Zuhörende nicht wissen, dass sie einer Dog Whistle ausgesetzt sind.

Indem man beispielsweise rassistische oder antisemitische Dog Whistles klar benennt, überwindet man zwar nicht jegliches rassistische oder antisemitische Gedankengut. Das explizite Ansprechen dieser Inhalte wird auch nicht unbedingt dazu führen, dass der Sprecher den Fehler eingesteht oder sich für die Dog Whistle entschuldigt. Immerhin hat er diese Strategie in vielen Fällen gezielt eingesetzt. Doch er kann sich nun nicht mehr auf seinen stärksten Trumpf berufen: die plausible deniability. Er verliert also die bequeme Position, behaupten zu können, dass es ja nicht so gemeint wäre. Das Gegenüber muss sich nun positionieren und allein dadurch werden die Chancen auf einen fairen Diskurs deutlich erhöht.

Weitere Quellen und Lektüre zum Thema:

Henderson/McCready (2024)

Saul (2018)

Ausführliche Liste von häufigen Dog Whistles des englischsprachigen Raums mit Erklärungen

Übersicht einiger rassistischer Dog Whistles im deutschsprachigen Raum (Belltower News)

Übersicht häufiger queerfeindlicher Dog Whistles im deutschsprachigen Raum (Belltower News)

Sammlung von Artikeln, die sich grob mit Dog Whistles und Codes der rechtsextremen Szene beschäftigen (Belltower News)

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