Studie: Sprachkenntnisse von geflüchteten Jugendlichen verbessert durch Bleiberecht und schnelle Integration

von Frederik Mallon | 5. Dez. 2025 | Forschung

Kurzgesagt:

Forschende fanden in dieser Studie heraus, dass für geflüchtete Jugendliche vor allem ein unsicherer Aufenthaltsstatus und lange Wartezeit vor dem Schulbeginn, aber auch das Lernen in separierten Vorbereitungsklassen negativen Einfluss auf die Sprachkenntnisse haben.

Studiendetails
Veröffentlicht von:Nordic Sociological Association (Zusammenschluss der soziologischen Fachgesellschaften der nordischen Staaten)
Autor:innen:Oliver Winkler, Anne-Kathrin Carwehl
Methodik:Multivariate Mehrebenenanalyse
Studie erschien in:Acta Sociologica
Veröffentlicht am:26.06.2025
Wissenschaftlicher Titel:Institutional conditions and acquisition of language skills among young refugees: Investigating the German context

Warum wurde die Studie durchgeführt?

In Deutschland leben hunderttausende geflüchtete Kinder. 2025 (Stand: Oktober) waren fast 45 % aller Geflüchteten, die einen Asylerstantrag stellten, minderjährig. In den Jahren 2022 und 2023 flüchteten rund 350.000 ukrainische Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren nach Deutschland. Diese Zahlen bedeuten große Herausforderungen für das deutsche Bildungssystem.

Darunter leiden die geflüchteten Kinder und Jugendlichen selbst am stärksten. Sie erreichen im Durchschnitt deutlich seltener die allgemein Hochschulreife, auch grundlegende schulische Kompetenzen fallen signifikant schlechter aus. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass geflüchtete Kinder sich in der Regel nicht mit Sprachkursen in der Heimat auf den deutschen Schulalltag vorbereiten können, sondern sehr schnell dem Unterricht folgen können müssen, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Doch welche Faktoren genau helfen oder eher dabei schaden, geflüchteten Kindern das Lernen der Sprache zu erleichtern, wurde bislang nur wenig untersucht. Diese Studie beschäftigt sich mit dem Einfluss von 3 Faktoren: Länge der Wartezeit bis zum Schulbeginn, separierte vs. gemischte Klassen und Aufenthaltsstatus.

Wie wurde die Studie durchgeführt?

Die Forschenden arbeiteten mit einem Datenset, das über 1.000 geflüchtete Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren umfasste, die in vier verschiedenen Bundesländern lebten. Das ist relevant, da Bildung in Deutschland Ländersache ist und die Bundesländer auch beim Thema Migration in einem gewissen Rahmen eigene Regeln aufstellen können. So können die Forschenden diese verschiedenen Effekte durch unterschiedliche Regeln in unterschiedlichen Bundesländern beachten. Wie gut die Sprachkenntnisse der Jugendlichen waren, analysierten die Forschenden mit Hilfe von Ergebnissen eines Sprachtests. Die Untersuchung wurde als multivariate Analyse durchgeführt. Das heißt, dass die Forschenden den Einfluss zahlreicher weiterer Variablen auf die Ergebnisse im Sprachtest berechneten.

Zur Erklärung ein hypothetisches Beispiel: In der Studie untersuchte Geflüchtete aus dem Irak hatten generell schlechtere Chancen auf ein Bleiberecht. Es könnte nun sein, dass sie wegen des Bildungssystems im Irak generell schlecht bei Sprachtests abschneiden. Diese Geflüchteten würden somit das Ergebnis verfälschen. Denn dann wäre das Herkunftsland Irak der Grund für sowohl die schlechtere Chance auf Bleiberecht als auch für das schwächere Abschneiden im Sprachtest. Welchen Einfluss das Bleiberecht aber auf die Sprachkenntnisse unabhängig vom Herkunftsland hat, könnte man so nicht herausfinden. Deshalb wird auf zahlreiche Variablen geachtet.

Gleichzeitig war die Untersuchung auch eine Mehrebenenanalyse. Denn die Untersuchung stand auch vor dem Problem, dass nicht alle Jugendlichen komplett unabhängig voneinander sind, sondern immer einige von ihnen im selben Landkreis lebten oder sogar zur selben Schule gingen. Dadurch können aber unbekannte Effekte, die einzelne Landkreise oder Schulen betreffen, in denen viele der untersuchten Jugendlichen leben, die ganze Studie verzerren. Deshalb berechneten die Forschenden auch Unterschiede zwischen den Landkreisen mit ein.

Zu welchen Ergebnissen und Forderungen kamen die Forscher:innen?

Die Forschenden bestätigten, dass eine längere Wartezeit und ein unsicherer Aufenthaltsstatus sich negativ auf die Deutschkenntnisse von geflüchteten Jugendlichen auswirkten – das gilt selbst für solche aus gebildeten Elternhäusern. Auch das Lernen in separierten Vorbereitungsklassen hat demnach einen leicht negativen Einfluss.

Daraus leiten die Forschenden auch einen Einfluss der deutschen Asylpolitik auf die Sprachkenntnisse ab. Beispielsweise haben Geflüchtete aus unterschiedlichen Ländern unter deutschem Asylrecht unterschiedlich gute Chancen, eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Kinder, deren Familien realistische Chancen auf einen sicheren Aufenthalt haben, zeigen wiederum im Schnitt bessere Lernfortschritte. Außerdem verstärkt die lange Dauer von Asylprozessen die Verzögerung beim Lernstart.

Eine Verbesserungsmöglichkeit könnten demnach einheitlichere Regelungen sein, die den Lernstart von geflüchteten Kindern und Jugendlichen beschleunigen. Regelungen in manchen Bundesländern, die den Schulstart für manche Kinder verzögern, so lange ihr Prozess noch läuft, könnten geändert werden. Außerdem könnte schnellere Rechtssicherheit zu einer schnelleren Integration der geflüchteten Kinder und Jugendlichen beitragen.

Artikelbild: canva.com

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