Studie: Politiker unterschätzen Bereitschaft für Klimaschutz in Deutschland

von Frederik Mallon | 7. Aug. 2026 | Forschung

Kurzgesagt:

Diese Studie kam zu dem Ergebnis, dass Politiker:innen in Deutschland unterschätzen, wie viele Menschen bereit sind, Gesetze und Steuern für mehr Klimaschutz zu akzeptieren.

Studie im Detail
Veröffentlicht von: Nature
Autor:innen: A. Timur Sevincer, Luisa Hostlowsky, Fenja Styhler & Wilhelm Hofmann
Methodik: Zwei Stichproben, identische Fragen
Studie erschien in:Communications Earth & Environment
Veröffentlicht am: 24.06.2026
Wissenschaftlicher Titel: Public support for climate action is underestimated in the German political domain

Warum wurde die Studie durchgeführt?

2024 erreichte die Erderwärmung erstmals über ein ganzes Jahr gerechnet weltweit 1,5 °C. Diese Marke galt als der Wert, auf den der globale Klimawandel möglichst begrenzt werden sollte. So war es zumindest auf der 21. Weltklimakonferenz in Paris 2015 beschlossen worden. Maßnahmen zum Klimaschutz stoßen allerdings immer wieder auf Hindernisse. Dabei geht es nicht nur um Fragen der technischen Machbarkeit, sondern auch um fehlendes politisches Handeln.

Dabei zeigte beispielsweise eine Studie des FGZ im vergangenen Jahr, dass nur 8 Prozent der Befragten in Deutschland Klimaschutz aktiv ablehnen, während 67 % mehr Klimaschutzmaßnahmen befürworten. In einer EU-weiten Umfrage gaben 85 % der Befragten an, dass der Kampf gegen Klimawandel eine Priorität sein sollte.

Wie entsteht dann diese Diskrepanz zwischen der breiten Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen in der Bevölkerung und der eher zögerlichen Umsetzung dieser Maßnahmen durch Regierungen? Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass es eine Störung in der Wahrnehmung gibt.

Frühere Studien (z.B. Fang/Ettinger/Innocenti 2025, Sparkman/Geiger/Weber 2022) haben gezeigt, dass Menschen generell eher unterschätzen, wie viel Bereitschaft ihre Mitmenschen für Klimaschutzmaßnahmen haben. Es ist also denkbar, dass auch politisch Verantwortliche unterschätzen, wie stark die Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen tatsächlich ist. Das hat eine Studie, die Ende Juni 2026 erschienen ist, beispielhaft für die deutsche Politik untersucht.

Wie wurde die Studie durchgeführt?

Das Design der Studie ist schnell erklärt. Die Forschenden haben deutsche Politiker:innen kontaktiert, von Stadt- und Gemeinderat bis Bundestag. Insgesamt 1.599 beantworteten den Fragebogen. Außerdem zogen sie eine repräsentative Stichprobe von 1.034 Menschen aus der deutschen Bevölkerung. Alle Befragten erhielten einen Fragebogen mit vier Themen. Befragte sollten angeben, in welchem Ausmaß ihrer Meinung nach der durchschnittliche Deutsche

1) Klimaschutzmaßnahmen (Informationen, Steuern und Gesetze) akzeptiert,

2) Von der Regierung aktive Unterstützung bei der Minderung klimaschädlichen Verhaltens fordert und

3) Sich bewusst ist, dass solches Verhalten problematisch ist.

Der vierte Aspekt drehte sich um die persönliche Bereitschaft, finanziell etwas beizutragen. Diese wurde abgefragt, indem die Teilnehmenden eine Schätzung abgeben sollten, wie viel Prozent der Deutschen bereit wären, monatlich 1 % von ihren Einkommen zum Kampf gegen Klimawandel beizutragen. Außerdem wurden die Teilnehmenden für das hypothetische Szenario, sie würden einen Euro für die Studienteilnahme bekommen, befragt, wie viel von diesem Euro sie als Mikrospende an Organisationen abgeben würden, die sich für Klimaschutz einsetzen. Die Stichprobe der deutschen Bevölkerung wurde zusätzlich noch befragt, wie sie selbst alle vier Aspekte für sich persönlich beantworten würde.

Zusätzlich nahmen die Forschenden noch Ergebnisse einer anderen Studie (Andre et al. 2024) mit auf, welche die Frage nach der Bereitschaft, monatlich 1 % ihres Einkommens beizutragen, ebenfalls gestellt hatte. Schließlich wurde mit Hilfe von statistischen Verfahren verglichen: Gibt es signifikante Unterschiede zwischen der Wahrnehmung der Politiker:innen, der Wahrnehmung der Stichprobe aus der Bevölkerung und den Antworten der Bevölkerung?

Zu welchen Ergebnissen kamen die Forschenden?

Das wichtigste Ergebnis, von dem sich die Forschenden selbst überrascht zeigen: Politiker:innen unterschätzen deutlich die Bereitschaft der Menschen, Steuern und Gesetze für mehr Klimaschutz zu akzeptieren. Besonders deutlich unterschätzten sie die Bereitschaft, 1 % des Einkommens beizusteuern. Allerdings überschätzten sie wiederum die Höhe von Mikrospenden. Wie ausgeprägt das Problembewusstsein in Bezug auf den Klimawandel in der Bevölkerung ist, unterschätzten die Politiker:innen ebenfalls, wenn auch weniger stark. Den Wunsch nach mehr Informationen zum Klimawandel sowie staatlicher Unterstützung bei der Bekämpfung klimaschädlichen Verhaltens schätzten sie dagegen richtig ein.

Neben dieser starken Unterschätzung der Zustimmung zu Klimaschutzmaßnahmen auf Seiten der Politiker:innen fanden die Forschenden auch heraus, dass die Teilnehmender der Bevölkerungsstichprobe sogar selbst unterschätzen, wenn auch in geringerem Ausmaß, wie hoch die Akzeptanz für mehr Informationen, Steuern und Gesetze für mehr Klimaschutz unter ihren Mitmenschen ist und wie viele mehr Einsatz der Politik zur Reduzierung klimaschädlichen Verhaltens forderten. Auch die Bereitschaft, 1 % des Einkommens abzugeben unterschätzten sie, genauso wie die Höhe einer hypothetischen Mikrospende.

Politiker:innen unterschätzten also insbesondere die Bereitschaft, politische Maßnahmen wie Steuern oder Gesetze zu akzeptieren, sowie einen eigenen finanziellen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels zu leisten. In ihrem abschließenden Kommentar ordnen die Forschenden diese Verzerrung als mögliches wichtiges Hindernis ein, das effektiver Klimapolitik im Weg stehe.

Artikelbild: Henning Schlottmann // Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

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