Kurzgesagt:
Eine Studie zeigt, wie Engagement und Demokratie Hand in Hand gehen können, warnt aber gleichzeitig davor, dass Rechtsextreme Engagement unterwandern können. Die Autor:innen empfehlen eine nachhaltige und stabile Förderung von demokratischen Engagementformen, auch finanziell.
Studie im Detail
| Veröffentlicht von: Else-Frenkel-Brunswik-Institut (EFBI) für Demokratieforschung an der Universität Leipzig und Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) | |
| Autor:innen: Hannah Hoffmann, Vivian Schachler, Julia Schlicht, Elmar Brähler, Oliver Decker | |
| Methodik: Sekundärauswertung der Leipziger Autoritarismus Studie 2024 | |
| Bericht erschien in: DSEE Arbeitspapier 1: Neues aus der Engagementforschung | |
| Veröffentlicht am: 26. November 2025 | |
| Wissenschaftlicher Titel: Engagement und politische Einstellungen – Herausforderungen und Perspektiven in einer sich wandelnden Gesellschaft |
Was ist Engagement?
Engagement kann in vielfältigen Formen und Bereichen auftreten. Engagierte Menschen arbeiten auf freiwilliger Basis, beispielsweise im Rahmen von Protestbewegungen, lokalen Initiativen, in Vereinen oder für Demokratieprojekte. Das Ehrenamt ist eine wichtige Engagementform, doch bei Weitem nicht die Einzige. Die Studienautor:innen plädieren dafür, auch informelle Formen des Engagements nicht zu vernachlässigen.
Engagement kann jedoch auch antidemokratisch sein. Beispiele für antidemokratisches Engagement sind PEGIDA, Gegendemonstrationen zum Christopher Street Day oder Jugendvereine von rechtsextremistischen Gruppierungen. Die Studie erwähnt mehrere übergeordnete Möglichkeiten der rechtsextremen Einflussnahme auf zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter Angriffe, Bedrohungen, die Etablierung rechter Vormachtstellungen, eigenständige Aktionen sowie Kooperationsversuche mit etablierten zivilgesellschaftlichen Organisationen.
Warum wurde die Studie durchgeführt?
In Deutschland wird die extreme Rechte erfolgreicher, rechtsextreme Einstellungen werden zunehmend salonfähiger. Unzufriedenheit mit der Politik, aber auch mit der Demokratie nimmt zu. Gleichzeitig wächst der Druck auf Engagement und Zivilgesellschaft. Für die Sozialwissenschaft ist es daher interessant zu untersuchen, inwiefern Engagement und politische Einstellungen zusammenhängen und ob es auch unter engagierten Menschen solche mit rechtsextremen und antidemokratischen Einstellungen gibt. Außerdem ist es wichtig zu erfragen, welche Rolle Engagement für das Funktionieren der Demokratie und für gesellschaftlichen Zusammenhalt spielt.
Wie wurde die Studie durchgeführt?
Bei der Studie handelt es sich um eine Sekundärauswertung der Leipziger Autoritarismus Studie (LAS). Die LAS wird alle zwei Jahre veröffentlicht. Die letzte LAS erschien Ende 2024, auch bei Volksverpetzer erschien damals eine ausführliche Analyse. Die nächste LAS erscheint voraussichtlich Ende dieses Jahres.
Die Grundlage der Studie ist die Datenerhebung, die im Zuge der LAS 2024 durchgeführt wurde. Dafür wurden zwischen dem 28.03.2024 - 18.06.2024 insgesamt 2.504 Menschen im Alter zwischen 16 und 92 Jahren befragt. Um dabei Zufälligkeit zu gewährleisten, wurde ein dreistufiges Randomisierungsverfahren angewandt. Die Befragungen erfolgten als demografisches Interview im direkten Kontakt mit den Befragten, der Fragebogen lag in Papierform vor. Die Interviewer:innen stellten Fragen bezüglich der Demokratiebefürwortung, politischen Deprivation, Rechtsextremismus, gruppenbezogene Ressentiments sowie Autoritarismus.
In das Interview wurden 2024 erstmals Fragen zu einem potenziellen Engagement der Befragten aufgenommen. Die Interviewer:innen fragten, ob in den letzten 12 Monaten eine ehrenamtliche Tätigkeit oder freiwillige Aufgaben ausgeführt wurden. Wenn ja, wurden Anschlussfragen zu Bereich, Funktion, Dauer, etc. des Engagements gestellt. Insgesamt gaben 430 Befragte an, sich in den letzten 12 Monaten engagiert zu haben.
Für die Sekundärauswertung der LAS 2024 wurden Engagierte und Nichtengagierte miteinander verglichen. Zusätzlich wurde eine moderierte Regressionsanalyse durchgeführt. Die Forschenden wollten damit herausfinden, ob Engagement den Einfluss bekannter Risikofaktoren für Rechtsextremismus verringern kann. Außerdem sollte anhand einer Clusteranalyse festgestellt werden, wie sich die politischen Einstellungen unter den Engagierten verteilen.
Zu welchen Ergebnissen kamen die Forschenden?
Engagierte sind zufriedener mit der Demokratie als Menschen, die sich nicht engagieren. So stimmen 95 Prozent der Engagierten der „Demokratie als Idee“ zu (S. 17). Bei Nichtengagierten sind es 89,5 Prozent. Auch die Zufriedenheit mit der Demokratie in Deutschland allgemein und mit der Demokratiepraxis im Land ist bei Engagierten höher als bei Nichtengagierten. Die Unterschiede sind signifikant.
Gerade in Bezug auf das Problem der Politikverdrossenheit liefert die Studie ebenfalls wichtige Ergebnisse. Knapp die Hälfte der Engagierten hat das Gefühl, „durch politisches Handeln selbst etwas bewegen zu können“ (S. 51). Engagierte erleben also weniger politische Deprivation und stattdessen eine höhere Handlungswirksamkeit.
Auch ein Blick auf die Ergebnisse der Clusteranalyse ist lohnenswert. Demnach teilen die Forschenden die Gruppe der Engagierten in folgende politische Einstellungstypen ein: 39,2 Prozent – der höchste Anteil – seien dem fragil-demokratischen Typus zuzuordnen, etwas weniger, nämlich 38,5 Prozent dem resilient-demokratischen Typus und die restlichen 22,2 Prozent – also mehr als ein Fünftel der Engagierten – dem rechtsautoritären Typus. Im Vergleich zu Nichtengagierten verzeichnen Engagierte jedoch auf allen sechs Dimensionen des Rechtsextremismus niedrigere Werte. Ein Beispiel: 16 Prozent der Engagierten vertreten eine ausgeprägt ausländerfeindliche Einstellung, bei den Nichtengagierten sind es 23 Prozent. Ein geschlossen rechtsextremes Weltbild vertreten 1,9 Prozent der Engagierten und 5,1 Prozent der Nichtengagierten. Auch hier sind die Unterschiede signifikant.
Engagierte sind weniger empfänglich für antidemokratische Narrative
Zudem untersuchten die Forschenden den „Grad der Empfänglichkeit für antidemokratische Ideen“ (S. 34). Erneut stachen die Engagierten positiv hervor. In Bezug auf ausnahmslos alle Facetten des autoritären Syndroms erzielten sie niedrigere Werte als Nichtengagierte. Das bedeutet, dass sie deutlich weniger stark für antidemokratische Narrative und autoritäre „Lösungen“ ansprechbar sind.
Zusätzlich geben die Ergebnisse der Regressionsanalyse einen „ersten empirischen Hinweis“ (S. 51) darauf, dass Engagement ein Schutzfaktor gegen Rechtsextremismus sein kann. Bei einem der überprüften Risikofaktoren für Rechtsextremismus - wahrgenommene wirtschaftliche Lage in Deutschland - fanden die Forschenden heraus, dass Engagierte sich signfikant von Nichtengagierten unterscheiden, „wenn es darum geht, wie ihre Bewertung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage in Deutschland ihre politische Einstellung beeinflusst“ (S. 35). Je negativer die wahrgenommene wirtschaftliche Lage in Deutschland, desto höher lagen die Werte auf der Rechtsextremismusskala bei Nichtengagierten. Engagierte dagegen lassen sich von einer wahrgenommenen schwächelnden Volkswirtschaft nicht verunsichern.
Ganz wichtig: Die Studie zeigt nicht, dass Engagement demokratische Einstellungen erzeugen würde. Ob Engagement demokratischer macht oder ob demokratische Einstellungen lediglich die Voraussetzungen sind, sich zu engagieren, bleibt offen. Engagement und demokratische Einstellungen korrelieren also lediglich, wenn auch „in hohem Maße“ (S. 51). Die Forschenden plädieren jedoch auch dafür, die teils hohe latente Zustimmung zu den Dimensionen des Rechtsextremismus – auch unter Engagierten – nicht unter den Tisch zu kehren.
Was bedeutet das für die Gesellschaft?
Die Studienautor:innen formulieren mehrere Handlungsempfehlungen, adressiert an die Politik, an Förderorganisationen, an Akteure vor Ort und an die Wissenschaft. Politiker:innen sollten eine kontinuierliche Unterstützung von Engagement gewährleisten, insbesondere finanziell. Förderprogramme sollten auch informelles Engagement in den Blick nehmen und einen räumlichen Bezug haben, also beispielsweise auf ländliche oder strukturschwache Regionen ausgerichtet sein.
Förderer sollten zivilgesellschaftliche Organisationen stärken und einen niedrigschwelligen Zugang ermöglichen. Zudem sollte in den Förderrichtlinien festgehalten werden, dass die Förderung nur Projekten zugutekommt, die auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung stehen. Akteure vor Ort sollten Schutzkonzepte entwickeln, um sich vor Demokratiegegnern zu schützen und sich nicht unterwandern zu lassen. Außerdem machen die Forschenden auf die Limitationen ihrer Studie aufmerksam. So wurden lediglich die Einstellungen der Befragten erhoben, woraus „kein Rückschluss auf das konkrete Verhalten der Engagierten bezogen werden“ (S. 56) kann. Weitere Forschung ist nötig, auch mit größeren Stichproben.
Hinweis: Alle Seitenangaben beziehen sich auf das DSEE Arbeitspapier 1: Neues aus der Engagementforschung.




