Woher kommt die Normalisierung der extremen Rechten in den Medien? Studie findet 8 Gründe

von Frederik Mallon | 11. Sep. 2026 | Forschung

Kurzgesagt:

Medienschaffende nennen Druck von außen, mangelnde Ressourcen aber auch redaktionelle Fehler im Umgang mit der extremen Rechten als Gründe für die Normalisierung von deren Positionen in den Medien.

Studie im Detail
Autorin: Teresa Völker
Methodik: Leitfadengestütztes Interview
Studie erschien in: Political Research Exchange
Veröffentlicht am: 15.02.2026
Wissenschaftlicher Titel: How the media cordon sanitaire crumbles: lessons from Germany

Warum wurde die Studie durchgeführt?

Positionen der extremen Rechten treten seit Jahren immer öfter in den Medien auf und werden dadurch auch normalisiert. Eine Studie aus dem Jahr 2024 (Völker/Gonzatti 2024)  weist daraufhin, dass dieser Effekt in Deutschland seit den 1990ern zu beobachten ist. Der mediale cordon sanitaire, der auf der unausgesprochenen Regel beruht, rechtsextremen Kräften keine direkte Plattform zu bieten, ist u.a. aufgrund der regelmäßigen Einladung von Kandidierenden und Abgeordneten der AfD in Fernsehen und Zeitung auch in Deutschland aufgebrochen.

Für die extreme Rechte ist das ein Erfolg, weil es die Salienz ihrer Themen erhöht. Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Normalisierung rechtsextremer Positionen und der Einbezug extrem rechter Kräfte diese nicht etwa zurückdrängt, sondern wohl sogar eher stärkt (z.B.: Krause/Cohen/Abou-Chadi 2022, de Jonge/Gaufman 2021).

Die meisten Studien haben allerdings bisher nicht hinter die Kulissen in den Arbeitsalltag von Medienschaffenden geschaut. Konkrete Gründe dafür, dass Narrative und Positionen der extremen Rechten nicht nur in rechten Szene-Medien, sondern auch im journalistischen Mainstream Raum bekommen, waren bisher wenig untersucht.

Diese Studie untersuchte deshalb die Fragen: Wie behandeln Medienschaffende die extreme Rechte? Und durch welche Faktoren werden sie dabei beeinflusst?

Wie wurde die Studie durchgeführt?

Die Forscherin Teresa Völker führte 21 leitfadengestützte Interviews mit Medienschaffenden verschiedener Medien in Deutschland durch. Die Interviews fanden im Sommer 2024 statt, also noch zu Zeiten der Ampelregierung. Inhaltlich ging es darum, wie die Medienschaffenden in ihrem Arbeitsalltag mit der extremen Rechten umgehen und welche Faktoren diesen Umgang beeinflussen. Den genauen Interview-Leitfaden mit allen Fragen gibt es unter diesem Link ab Seite 6.

Die Ergebnisse wertete die Forscherin dann noch weiter aus. Dazu führte sie eine qualitative Inhaltsanalyse mit Codierschema durch. Das bedeutet, dass sie aus ihren eigenen Vorkenntnissen ein Kategoriensystem entwickelte, das sie über die Antworten der Befragten legte, um gemeinsame Muster zu erkennen. Mit den Erkenntnissen wird das Kategoriensystem dann weiter verfeinert.

Wie gehen Medienschaffende in ihrem Alltag mit der AfD um?

Die meisten Befragten hatten keine eindeutige Strategie. Statt fester Absprachen in der Redaktion gab es oft nur informelle Regeln und interne Diskussionen, wie man mit der AfD umgeht. Grundsätzlich orientieren sich die Befragten an Pressekodex und Grundgesetz, in den meisten Fällen aber ohne klare Anweisungen, wie dieser Anspruch konkret umgesetzt wird. Deswegen entscheiden Journalist:innen in der Praxis oft spontan, wie sie in ihrem jeweiligen Beitrag die AfD behandeln. Eine Befragte bezeichnet den Umgang mit der AfD als „im Grunde schon so ein journalistisches Experiment“ (Zitatquelle).

Außerdem tritt immer wieder das Thema auf, man würde regelmäßig nur auf das reagieren, was die AfD aktuell macht, als eine eigene, aktive Berichterstattung über die rechtsextreme Partei zu verfolgen. Viele Befragte räumen ein, der Anspruch habe sich weiterentwickelt, man würde nicht mehr über jedes Stöckchen springen. Doch die Diskrepanz zwischen theoretischem Anspruch und praktischer Umsetzung findet weiterhin statt.

Was sind die Gründe für die Normalisierung der AfD im Alltag der Medien?

Die Forscherin stellte fest, dass es keinen einzelnen, konkreten Grund für diese Normalisierung gibt. Es spielen dabei sowohl das Handeln der AfD (und anderer Rechtsextremer), als auch die (wahrgenommene) Veränderung der Gesellschaft im Ganzen eine große Rolle. Dazu wurden regelmäßig auch strukturelle Herausforderungen bei den Medienhäusern selbst genannt.

Wir fassen im Folgenden einige der genannten Erklärungsfaktoren zusammen. Wichtig ist dabei: Diese Erklärungen stammen aus der Sicht der Medienschaffenden selbst, decken also vor allem deren Perspektive ab.

1. Der generelle Aufstieg und Wahlerfolg der Rechtsextremen sowie deren Strategien

Die Wahlerfolge der AfD und parallele Selbst-Verharmlosung im Vergleich zur extremen Rechten früher mache es schwieriger, sie kritisch darzustellen und befördere die Normalisierung.

2. Druck von außen

Sowohl kritische Leserbriefe als auch Abmahnungen oder Klagen bei zu expliziter Sprache gegen Rechtsaußen werden immer wieder als Hemmnis genannt. Einige Befragte räumen ein, dass diese zu einer Art Selbstzensur bzw. vorauseilendem Gehorsam gegenüber den Positionen der Rechtsextremen in ihren Redaktionen geführt haben.

3. Interne Konflikte, widersprüchliche Interessen innerhalb der Medienhäuser

Auch innerhalb desselben Mediums sei man sich oft nicht einig, wie man mit der AfD umgehen sollte. Dabei weisen manche der Interviews darauf hin, dass eher die Führungsetagen Einladungen der Rechtsextremen fordern, Redaktionen diese eher ablehnen.

4. Krisen und polarisierende Ereignisse

Dieser Punkt wird besonders häufig genannt. Insbesondere während der sogenannten Flüchtlingskrise 2015/16 übernahmen Medien Narrative der extremen Rechte, weil diese sich als Sprachrohr einer Protestbewegung inszenierte. Dazu gibt es unter den Befragten auch interne Kritik, man habe die Narrative der äußersten Rechten hier zu bereitwillig aufgenommen. Einen ähnlichen Wendepunkt sahen Befragte auch in der Corona-Zeit. Regelmäßig tritt in den Interviews die Ansicht auf, Medien hätten in dieser Zeit immer mehr kritische Distanz zu den von Rechtsaußen geprägten Protestbewegungen aufgegeben. Dies wird mit der Bemühung begründet, sich als „objektiv“ zu positionieren im Glauben, so weniger Vertrauen zu verlieren.

5. Wahrnehmung der Gesellschaft durch die Medienschaffenden

Alle Befragten betonen, dass ihre Arbeit die gesellschaftlichen Veränderungen spiegele und sie darauf reagieren müssten, was passiere. Über die Rechtsextremen müsse man eben berichten, wenn sie Wahlen gewinnen.

6. Die Sonderrolle der Öffentlich-Rechtlichen

Von Befragten, die bei öffentlich-rechtlichen Medienhäusern arbeiten, wird öfter das Argument der abgestuften Chancengleichheit erwähnt. Viele vertreten den Standpunkt, sie müssten die AfD (ungeachtet dessen, dass die Partei rechtsextrem ist) gleich wie jede andere Partei behandeln.

Darüber hinaus führen Befragte der öffentlich-rechtlichen Medienhäuser den besonderen Druck der drohenden Kündigung des Medienstaatsvertrags durch die Partei an.

7. Mangelnde Ressourcen

Viele Befragte benennen fehlende Gelder und mangelndes Personal als Ursache vieler Probleme. Demnach fehlten einfach die Mittel, um kritisch genug zu recherchieren und Hintergründe ausreichend zu beleuchten. Außerdem erfordere die Auseinandersetzung mit Rechtsextremen zusätzlichen Aufwand in Form von Personenschutz oder psychologischer Unterstützung.

8. Nachrichtenwert der extremen Rechten

Skandale und extremistische Aussagen erzeugen aus Sicht der Medienschaffenden schlicht mehr Aufmerksamkeit. Negativ emotionale Botschaften versprechen besonders viel Reichweite. All das trete wiederum verstärkt bei der extremen Rechten auf. Dass diese Logik die extreme Rechte weiter stärkt und somit einen Teufelskreis bildet, reflektieren viele Befragte auch in den Interviews kritisch.

Der positive Ausblick der Forscherin

Für die zunehmende Normalisierung extrem rechter Haltungen in den deutschen Medien gibt es nicht nur einen einzelnen Grund. Stattdessen ist es eine Kombination aus verschiedenen Faktoren, die unterschiedlich starken Einfluss haben und in einer Wechselwirkung die Normalisierung der extremen Rechten ermöglichen.

Teresa Völker, die die Forschung durchführte, zieht in einem Kommentar zu ihrer Studie aber auch ein ermutigendes Fazit. Die Mehrheit der Medienschaffenden halte demnach die Demokratie weiterhin für ein unbedingt schützenswertes Gut und wolle nicht zur Normalisierung der extremen Rechten beitragen. Der hohe Anspruch der Medienschaffenden an sich selbst existiert also weiterhin.

Artikelbild: Sandro Halank / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0) [Weidel] / Steffen Prößdorf / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0) [Höcke]

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