Kurz-Definition:
Ein Zirkelschluss findet statt, wenn eine Behauptung mit einem Argument begründet wird, welches wiederum darauf basiert, dass die Behauptung selbst wahr ist.
Was ist ein Zirkelschluss?
Der Zirkelschluss ist eine Form des Scheinbeweises. Er begründet eine Behauptung mit einer Aussage, die wiederum auf der Behauptung selbst basiert, dreht sich also argumentatorisch im Kreis. Inhaltlich ist ein Zirkelschluss deshalb auch nicht unbedingt falsch. Er steht aber im Gegensatz zu der Regel, dass Argumente, welche eine Behauptung untermauern, eigentlich unabhängig von der Behauptung selbst gültig sein sollten (siehe auch Walton (1994)). Weil das beim Zirkelschluss nicht der Fall ist, täuscht er eine Aussagekraft vor, die er nicht hat.
Beispiel (fiktives Gespräch samt Zirkelschluss):
Onkel Alois: "Der Klimawandel existiert, da ist sich die Wissenschaft einig."
Tante Berta: "Quatsch! Unabhängige, vertrauenswürdige Experten widerlegen das!"
Onkel Alois: "Wer ist denn für dich ein unabhängiger, vertrauenswürdiger Experte?"
Tante Berta: "Na alle Experten, die nicht diesen Unsinn vom Klimawandel verbreiten!"
In diesem fiktiven Beispiel liefert Tante Berta einen sehr eindeutigen Zirkelschluss. Ihre Schlussfolgerung, dass der Klimawandel nicht existiere, beruht auf dem Argument, scheinbar „unabhängige, vertrauenswürdige Experten“ hätten dies herausgefunden. Als unabhängiger, vertrauenswürdiger Experte gilt jedoch für Tante Berta von Anfang an nur, wer bestätigt, dass der Klimawandel nicht existiert. Das ganze Argument basiert also darauf, dass die Schlussfolgerung von vornherein als Wahrheit angenommen wird.
Allgemeine Funktionsweise von Zirkelschlüssen:
Ein Zirkelschluss hat in erster Linie die Funktion, dass er bereits bestehende Weltbilder oder Glaubenssätze bestärken kann. Er funktioniert vor allem dann gut, wenn die Person sowieso schon an die Behauptung glaubt oder zumindest daran glauben möchte. Hier kann der sogenannte Confirmation Bias hereinspielen. Jemand, der beispielsweise ohnehin skeptisch gegenüber dem Klimawandel ist, übersieht eher den Fehlschluss in einer Aussage wie „Es gibt keinen Klimawandel, das bestätigen dir alle unabhängigen Experten, die nicht an diese Klimawandel-Lüge glauben“.
Funktion von Zirkelschlüssen in Verschwörungserzählungen:
Diese Funktionsweise des Zirkelschlusses, ganze Weltbilder zu verstetigen und nach außen hin zu isolieren, macht ihn zum wichtigsten Bestandteil von Verschwörungserzählungen. Verschwörungserzählungen basieren darauf, sich selbst immun gegen Kritik zu machen. Zirkelschlüsse helfen dabei, jegliches Gegenargument zu einem scheinbaren Beleg für die Verschwörungserzählung selbst umzudrehen. So erzeugen sie Echokammern, aus denen man kaum noch ausbrechen kann.
Eine Echokammer zeichnet sich dadurch aus, dass sie alle Informationen, die von der Meinung innerhalb der Echokammer abweichen, aktiv diskreditiert. Dazu reicht es nicht, Informationen zu filtern und nur das durchdringen zu lassen, was die Menschen innerhalb der Echokammer hören sollen. Denn Menschen können zu leicht an Gegenargumente kommen. Um eine wirksame Echokammer zu installieren, müssen noch dazu alle widersprüchlichen Meinungen und Argumente aktiv diskreditiert werden.
In der Praxis wird das durch einen klassischen Zirkelschluss erreicht: Wer gegen die Meinung der Echokammer hält, muss entweder naiv, dumm oder Teil einer Verschwörung sein, denn sonst würde er ja nicht gegen die Wahrheit aussagen, so die geteilte Ansicht innerhalb der Echokammer.
Umgang mit Zirkelschluss und Echokammern:
Ein Zirkelschluss selbst ist relativ einfach zu widerlegen, ist er einmal erkannt. Der Widerspruch in der Aussage ist in der Regel nicht zu übersehen. In der Praxis ist es allerdings oft deutlich komplizierter, wenn Menschen in Echokammern gefangen sind, die auf einem Zirkelschluss basieren. Ein Ausbruch aus der Echokammer gilt als enorm schwierig, da schon der erste Schritt von der Echokammer verhindert wird: Die Erkenntnis, dass man sich überhaupt in einer solchen befindet.
Den besten Ansatzpunkt für jeden selbst stellt der Umgang mit widersprüchlichen Argumenten, Fakten oder Meinungen dar. In Echokammern werden alle widersprüchlichen Meinungen aktiv als entweder dumm und uninformiert oder sogar als Teil einer Taktik von Verschwörer:innen dargestellt. Eine gute Übung, um das Verfallen in Echokammern und Zirkelschlüsse zu vermeiden, ist es deshalb, bewusst regelmäßig eigene Grundüberzeugungen zu reflektieren.
Praktisch bedeutet das, sich aktiv und ehrlich ergebnisoffen zu versuchen, abweichende Sichtweisen von der eigenen zu verstehen. Das bedeutet nicht, diese Sichtweisen übernehmen zu müssen. Aber es bedeutet, einen Reflex zu überwinden, der andere Ansichten aus Prinzip als falsch (und die eigene aus Prinzip als richtig) ansieht. So wird man sich bewusster, warum man Dinge glaubt, die man selbst glaubt und senkt die Wahrscheinlichkeit, in Echokammern zu gelangen.
Andere Menschen aus Echokammern herauszubekommen, ist deutlich schwieriger. Es gibt keine geschickte Diskussionstaktik, mit der jemand einfach so aus der Echokammer herauskommt. Die Echokammern funktionieren gerade weil sie den Zirkelschluss aufrechterhalten, der besagt, alle widersprüchlichen Fakten oder Argumente sind entweder naiv oder sogar bewusst gefälscht. Diesen Modus zu durchbrechen ist für eine außenstehende Person kaum möglich. Die Wissenschaft empfiehlt daher, Bekannten in Echokammern weiterhin als Vertrauensperson bereitzustehen und sie nicht aggressiv zu belehren, aber sich klar von dem geschlossenen Weltbild der Echokammer zu distanzieren. So kann man für die Person zum Anlass werden, von sich aus zu erkennen, dass es eine Wahrheit außerhalb ihrer Echokammer gibt (siehe Nguyen (2018), kein Open Access!).
Weitere Quellen und Lektüre zum Thema:
Grundwissen Argumentationstheorie (Philipp Hübl) (S. 7 zum Zirkelschluss)
Stanford Encyclopedia of Philosophy
Blogbeitrag der Philosophin Tamara Niebler
Zu Echokammern:
Nguyen (2018), kein Open Access!




