Desinformations-Strategie #9: Red Herring

von Prüfpunkt Redaktion | 25. Sep. 2026 | Desinformation

Kurz-Definition

Red Herring bezeichnet eine Familie von Desinfo-Strategien, die durch das Aufbringen neuer, nicht relevanter Themen vom eigentlichen Punkt ablenken.

Herkunft der Metapher Red Herring

Die Bezeichnung „Red Herring“ als etwas Irreführendes basiert wohl selbst auf einer irreführenden Geschichte, die sich der englische Journalist William Cobbett im 19. Jahrhundert ausgedacht hat. Angeblich hätte er als Kind geräucherte Heringe genutzt, um Jagdhunde gezielt von einer Fährte abzulenken. Cobbett nutzte diese Metapher, um zu kritisieren, wie die britische Presse 1807 einer wohl erfundenen Geschichte über eine angeblich schwere Niederlage Napoleons hinterherjagte.

Auch wenn Cobbetts Herleitung als widerlegt gilt, hat sie zumindest einen wahren Kern. Tatsächlich nutzten Jäger seit langem geräucherte Heringe, um eine künstliche Fährte zu legen, der die Hunde folgen konnten. So trainierten sie ihre Pferde wiederum darauf, den Hunden zu folgen. Der Begriffe Red Herring steht also richtigerweise im Zusammenhang mit dem Legen einer künstlichen Fährte. Wohl auch deshalb blieb die von Cobbett entwickelte metaphorische Bedeutung bestehen.

Die Metapher vom Red Herring hat sich mittlerweile auch in anderen Kontexten erfolgreich etabliert. In der Literatur bezeichnet Red Herring einen scheinbar für die Handlung relevanten Hinweis, der sich am Ende als Nebelkerze herausstellt. Er gilt als eine der wichtigsten Strategien, um Spannung aufzubauen. Insbesondere in Thrillern treten häufig Red Herrings auf. In den Sozialwissenschaften sowie der Marktforschung bauen Forschende manchmal sogenannte Red Herring-Items ein. Das sind Fragen, die eigentlich nichts mit dem Thema zu tun haben und eine oder mehrere komplett unsinnige Antworten beinhalten. Damit sollen Teilnehmende ausgefiltert werden, die die Fragebögen einfach nur schnell durchkreuzen, ohne die Fragen aufmerksam zu lesen.

Red Herring als Grundprinzip von Desinfo-Strategien

Der Red Herring ist eines der klassischen Ablenkungsmanöver und wurde schon in den 1970er Jahren wissenschaftlich diskutiert. Das Grundprinzip ist immer dasselbe. Person A und B diskutieren über Thema 1. Person B hat hier aber keine Argumente oder möchte über das Thema lieber nicht sprechen. Deshalb startet sie das Ablenkungsmanöver und bringt die Argumentation in Richtung des komplett anderen Themas 2, wo ihre eigene Position besser ist.

Auf diesem Grundprinzip basieren zahlreiche Varianten von Ablenkungsmanövern in der Praxis. Einige davon wurden bereits bei Prüfpunkt behandelt, wie das Argumentum ad Hominem, der Mitleidsappell oder der Whataboutismus. Diese Strategien haben die Gemeinsamkeit, dass auf ein Thema abgelenkt wird, das nur scheinbar im Zusammenhang mit der ursprünglichen Diskussion steht. Manchmal wirkt die Ablenkung dadurch, dass sie Gefühle anspricht und so nicht auffällt, dass sie am Thema vorbeigeht.

Funktionsweise

Die offensichtliche Funktion eines Red Herring ist die Ablenkung. Hintergrund können strategische Überlegungen sein. Wer einen Red Herring anwendet, hat beim eigentlichen Thema schlechtere Argumente und lenkt deshalb auf ein anderes Thema ab, bei dem er das Gegenüber einfacher angreifen kann. Dieser Mechanismus steckt typischerweise hinter einem Strohmann-Argument, einer Version des Red Herrings.

Zusätzlich zur Ablenkung kann mit einem Red Herring auch ein Angriff auf moralischer Ebene verbunden werden. Statt auf Kritik einzugehen, kann man beispielsweise kritikwürdiges Verhalten der Gegenseite aufzeigen und so inhaltlich wie moralisch vom ursprünglichen Thema ablenken. Dann begeht man einen Whataboutismus. Whataboutismus, Strohmann-Argument und Red Herring hängen inhaltlich so eng zusammen, dass sie in dieser Untersuchung (da San Martino et al. 2020) sogar als eine eigene Kategorie an Propaganda-Techniken zusammengefasst wurden.

Eine weitere Funktion ist das Verlagern der Debatte von der sachlichen auf die emotionale Ebene. Das geschieht beispielsweise durch persönliche Angriffe (Argumentum ad Hominem) oder Appelle an bestimmte Emotionen (zum Beispiel Mitleidsappell).

Diese vielfältigen Versionen von Red Herrings zeigen, dass es sich hier nicht um eine konkrete Strategie handelt, sondern eher eine Metapher, die wie ein Überbegriff für viele Versionen von Ablenkungsmanövern steht.

Red Herring-Beispiele aus der Politik

Eine der bekanntesten Red Herring-Aktionen führte die CIA im Jahr 2011 in Pakistan durch. Zu dieser Zeit versuchte der US-Geheimdienst, den al-Qaida-Anführer Osama Bin Laden aufzuspüren. Sie vermuteten Bin Laden in Abbottabad in Pakistan, brauchten aber eindeutigere Beweise. Um DNA-Proben von den Menschen der Stadt zu sammeln, startete die CIA eine Aktion, die sie als scheinbare Impfkampagne tarnte. Um diesen Red Herring glaubwürdig erscheinen zu lassen, rekrutierte die CIA auch einen einheimischen Mediziner, der die Operation leitete.

Das Projekt trug höchstwahrscheinlich nicht dazu bei, Bin Laden zu finden. Als Beispiel für einen geheimdienstlichen Red Herring ging es aber auch wegen seiner schweren Konsequenzen in die Geschichte ein. Als die CIA-Aktion einige Wochen später durch einen Artikel der britischen Tageszeitung Guardian aufgedeckt wurde, starteten die Taliban eine Impfskepsis-Kampagne. Diese unterstellte medizinischem Personal, mit der CIA zusammenzuarbeiten und diskreditierte Impfungen. Eine Studie (Martinez-Bravo/Stegmann 2022) zeigte, dass die Kampagne in Gebieten mit starkem Taliban-Einfluss für einen signifikanten Rückgang der Impfquote gegen Polio und einen Anstieg von Polio-Fällen sorgte.

Neben Geheimdiensten nutzen aber auch politische Kampagnen während des Wahlkampfs Strategien, die zur Gruppe der Red Herring-Taktiken gehören. Boris Johnson, der frühere Premierminister von Großbritannien und Bürgermeister von London, nannte diese Art von Strategie „dead cat strategy“. Demnach funktioniere sie so, als würde man eine tote Katze auf den Tisch werfen. Alle anderen vergessen dann das eigentliche Thema und reden nur noch über die tote Katze.

Tipps zum Umgang

Da Red Herring eine sehr breite Gruppe von Strategien der Desinformation abdeckt, gibt es nicht eine einzige Maßnahme für den Umgang. Der wichtigste Schritt ist aber immer das Erkennen der Strategie. Ablenkungsmanöver leben davon, dass sie unerkannt bleiben und das Gegenüber sich auf die Verschiebung des Themas einlässt.

Es ist deshalb grundsätzlich immer wichtig, gerade bei emotional geführten politischen Debatten aufmerksam zu sein, wenn sich plötzlich das Thema der Debatte verschiebt. Wie schon im Artikel zum Whataboutismus empfohlen, kann man im nächsten Schritt konkret ansprechen, dass man das Gefühl hat, es werde vom eigentlichen Thema abgelenkt und man gern wieder zum eigentlichen Thema zurückkehren würde.

Wenn die Verschiebung durch einen emotionalisierenden Angriff (wie ad hominem) oder einen Appell an die Emotionen (wie beim Mitleidsappell) eingeleitet wird, kann man auch einwenden, dass man die Diskussion auf der Sachebene belassen möchte und nicht auf persönlicher, emotionaler Ebene diskutieren möchte.

Tragen diese Versuche nicht dazu bei, die Emotionalität aus der Diskussion zu nehmen, ist es auch eine valide Option, das Gespräch abzubrechen oder zu vertagen. So können beide Seiten wieder etwas Distanz zu ihren Emotionen gewinnen. Das vereinfacht die rationale Diskussion.

Weitere Quellen und Lektüre zum Thema:

Dougals N. Walton (1979)

Douglas N. Walton (2004)

Margot Belguise (2024) Modell, wie Politiker:innen Red Herrings benutzen, um die Aufmerksamkeit der Wähler:innen zu manipulieren

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