Kurz-Definition:
Statt inhaltlich für den eigenen Standpunkt zu argumentieren, werden beim Moving the Goalposts immer höhere Forderungen an den Gegenstandpunkt gestellt.
Ausführliche Definition:
Die Strategie Moving the Goalposts weicht einer inhaltlichen Auseinandersetzung aus, indem man auf Gegenargumente nur damit reagiert, diese abzulehnen und noch höhere Ansprüche an die Gegenseite zu stellen.
Die Strategie basiert auf einem Dreischritt:
1) Forderung von Person A an Person B, etwas zu belegen/beweisen
2) Person B erbringt geforderten Beweis/Beleg
3) Anstatt einzusehen, dass Person B Recht hat, stellt Person A eine neue Forderung
Der Begriff Moving the Goalposts kommt aus Sportarten, welche Tore (goalposts ist Englisch für Torpfosten) benutzen. Gut vorstellen kann man es sich anhand eines ungerechten Fußballspiels. Ein Team verteidigt dabei nicht das Tor, sondern baut jedes Mal, wenn die Gegner zum Schuss aufs Tor kommen, schnell die Torpfosten ab und woanders wieder auf. Genau wie ein solches Verhalten jeglicher Fairness widersprechen würde, sorgt auch Moving the Goalposts für ein unfaires Ungleichgewicht in einer Debatte.
Warum Moving the Goalposts oft zur Verteidigung von Desinformation eingesetzt wird
Das Ziel hinter dieser Strategie im Kontext von Desinformation ist es, dass man eine unsinnige Behauptung gegen eine überwältigende, widersprechende Beweislage halten kann. Moving the Goalposts lehnt neue Gegenbeweise grundsätzlich ab und fordert, statt darauf einzugehen, mit einer neuen Behauptung noch mehr Beweise. Bei dieser Strategie ist die Absicht gar nicht, sich davon überzeugen zu lassen, falsch zu liegen.
Grundsätzlich kann Moving the Goalposts gezielt eingesetzt werden, um der Gegenseite Zeit, Energie und Nerven zu rauben. In der Praxis wenden viele Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben, die Strategie aber auch unterbewusst an. Eine Debatte startet dann z.B. mit einem Argument, dass die angebliche Existenz einer Verschwörung mit einem Scheinbeleg begründet. Widerlegt man dann diesen Scheinbeleg, wird die Person allerdings nicht ihren Irrtum einsehen, sondern den nächsten scheinbaren Beleg aufbringen, nach dessen Widerlegung den übernächsten usw.
Der Grund dafür: Es geht beim Moving the Goalposts nicht darum, Argumente auszutauschen und der Wahrheit näherzukommen. Das liegt schon darin begründet, wie der Glaube an Verschwörungsmythen überhaupt erst entsteht. Dieser basiert nicht auf umfassender Datenerhebung, aus deren Interpretation dann eine Theorie entsteht (weswegen wir auch auf den Begriff „Verschwörungstheorie“ verzichten). Stattdessen basiert der Glaube darauf, dass der Mythos emotionale Bedürfnisse erfüllt. Diese können vielfältig sein, drehen sich aber meistens darum, in einer komplizierten Welt voller Widersprüche Sicherheit zu finden. Das gelingt dann, indem man scheinbar alles erklärende Weltbilder aufrechterhält.
Scheinbare Fakten oder Belege sind also nicht die Grundlage für den Glauben, sondern nur Mittel zum Zweck, um ihn in einer Debatte zu verteidigen. Deshalb springen Verschwörungsgläubige so unbeirrt von einem widerlegten (Schein-)Argument zum nächsten, ohne ihre grundlegende Haltung jemals zu hinterfragen. Genau das ist der Effekt, welcher Moving the Goalposts erst möglich macht.
Ein fiktives Beispiel:
Markus: „Ich glaube nicht, dass die Impfung gegen Corona wirksam war.“
Tobi: „Schau mal, diese Studie zeigt, dass die Impfung wirkt!“
Markus: „Na gut, das ist nur eine einzelne Studie, die könnte ja falsch liegen.“
Tobi: „Auf dieser Website sind jede Menge Studien zu dem Thema, die liegen ja wohl nicht alle falsch.“
Markus: „Aber das sind alles Studien von vor 2 Jahren, ich vertraue nur aktuellen Studien!“
Tobi: „Ich habe erst vor wenigen Wochen zwei neue Studien zu dem Thema gelesen, die schicke ich dir.“
Markus: „Ne, die Studien sind von britischen Forschern durchgeführt worden, denen vertraue ich nicht, ich vertraue nur deutschen Studien!“
Usw.
Abgrenzung von sauberer Argumentation
Es ist wichtig, Moving the Goalposts nicht mit korrekter Argumentation zu verwechseln. Wenn jemand ein Argument tatsächlich inhaltlich entkräftet und bessere Beweise fordert, ist das nicht Moving the Goalposts! Der Knackpunkt liegt darin, dass sich eine Seite beim Moving the Goalposts überhaupt nicht inhaltlich mit den vorgebrachten Gegenargumenten beschäftigt, sondern sich von vornherein entschieden hat, den Argumenten allein deshalb auszuweichen, weil sie dem eigenen Standpunkt widersprechen.
Wie geht man am besten mit Moving the Goalposts um?
Wie vielen anderen Desinformations-Strategien begegnet man auch Moving the Goalposts am besten, indem man zunächst identifiziert, dass es stattfindet und dann auf Präzision besteht. Anstatt immer selbst ein Scheinargument widerlegen zu müssen, sollte man den ständig bewegten Torpfosten metaphorisch festhalten und stattdessen die Gegenfrage stellen: „Ich habe das Gefühl, du reißt mit jedem Satz ein neues Thema an, obwohl alle deine Argumente bisher falsch waren. Wenn du ganz ehrlich bist: Gibt es überhaupt ein Argument, das ich bringen könnte, um dich zu überzeugen, deinen Standpunkt zu überdenken?“
Dieser Umgang garantiert nicht, dass die Person aus einem möglichen Verschwörungsglauben ausbrechen kann. Er kann aber dabei helfen, die Diskussion auf mögliche ehrliche Sorgen, Unsicherheiten oder Ängste der Gegenseite zu lenken, die unter dem Moving the Goalposts liegen. Oft sind solche Emotionen der wahre Grund, warum Menschen hartnäckig einem Verschwörungsmythos anhängen. Anders als die falschen oder widersprüchlichen Behauptungen sollte man diese Emotionen durchaus ernst nehmen und hat so zumindest eine echte Chance, die persönliche Beziehung zur anderen Person aufrecht zu erhalten. Das ist in jedem Fall die Grundlage, um jemanden aus der Welt der Verschwörungsmythen herauszubekommen.
Weitere Quellen und Lektüre zum Thema
Manninen, T. W. (2018) (nicht Open Access! Teil des Buchs 100 Arguments, Kapitel 37)
Hahn, D. (2021) auf skeptic.org.uk
Ibrahim, N. (2023) auf snopes.com




